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Ein Semester in Lissabon

Mit dem Fahrrad nach Portugal

Hochschule: IADE,
Studiengang: Visual Culture, Jahr: 2015/16

Fahrrad unter Bäumen auf einem Campingplatz
Es war Mitte September und ich schlug mein Zelt auf einem Campingplatz in der Nähe der Stadt auf. Ich befand mich auf einem Hügel, den dichter Wald bedeckte und den mehrere Autobahnen umschlangen und teilten. Fast eine Stunde brauchte ich, um mit dem Bus das Stadtzentrum von Lissabon zu erreichen.

Vom Campingplatz aus suchte ich eine Woche lang recht erfolglos nach einer bezahlbaren Unterkunft, die mir für einige Monate ein Leben in der Stadt ermöglichen sollte. Es war tagsüber noch immer sehr warm, teilweise sogar heiß, aber in der Nacht wehte durch den Wald ein frischer Wind, der mich unruhig schlafen ließ und darauf aufmerksam machte, dass auch hier die Sonne bald merklich an Kraft verlieren würde. Ich war zu diesem Zeitpunkt schon zwei Monate mit Fahrrad und Zelt unterwegs.

Von Saarbrücken aus hatte ich Frankreich mit dem Rad durchquert und ab San Sebastián einen Bus genommen, der mich die bergige Küste Nordspaniens entlang bis nach Vigo brachte. Von dort ging es noch drei Wochen mit dem Rad durch den Norden Portugals: Viana do Castelo, Braga, Porto, Coimbra. Ab Tomar war ich dem Tejo gefolgt und dann vom südlichen Ufer mit einer Fähre nach Lissabon übergesetzt. Es war also langsam an der Zeit, wieder in einem richtigen Bett zu schlafen und mir wurde klar, dass ich meine Ansprüche ändern müsste, wollte ich nicht noch länger im Zelt übernachten. Nachdem also bezahlbar kein ausschlaggebendes Kriterium mehr war, dauerte es auch nur noch zwei Tage, bis ich eine Wohnung fand, in die ich zum Monatswechsel einziehen konnte. Sie lag sehr schön, in einem Wohngebiet mit vielen kleinen, alten Häusern und engen Gassen. Die Wohnung war wirklich winzig, denn sie konnte ja nicht größer sein als das Gebäude, in dem sie sich befand. In ihr gab es dennoch alles was man so braucht, und obwohl ich im Erdgeschoss wohnte, hatte ich sogar eine schräge Decke, an der ich mir meinen Kopf stoßen konnte: Es war die Treppe für die zwei über mir liegenden Wohnungen. Wollte ich Tageslicht haben, musste ich einfach nur die Haustür öffnen. Beim Verlassen des Hauses war Vorsicht geboten: Die Gebäude standen so dicht, dass es keinen Fußweg gab und man direkt auf der Straße landete. Vielleicht war dies auch eigentlich der Fußweg und es gab stattdessen keine Straße, aber die Autofahrer schienen sich diese Frage nicht zu stellen.

Zur Fakultät brauchte ich noch immer fast eine Stunde, da ich nun nicht mehr mit dem Bus fuhr, sondern zu Fuß ging. Es war herrlich, durch die Stadt zu spazieren und immer wieder neue Wege zu erkunden, die Architektur zu bestaunen und die Menschen zu beobachten. Die Leute waren sehr freundlich, manche boten mir sogar Drogen an. Mein Rad blieb fast die ganze Zeit in der Wohnung stehen, Lissabon ist nicht für Fahrräder gemacht und mein Rad auch nicht für Lissabon. Meine Wohnung befand sich oben auf einem der vielen Hügel, von denen man die Aussicht auf die Unterstadt genießen kann. Ich fluchte oft auf meinem Weg hinauf, aber wenn ich dann oben ankam, Jesus sah, in der Ferne die rote Hängebrücke und die Sonne wie sie hinter den Hügeln im Meer versank, dann war ich doch recht dankbar – so ganz im Allgemeinen.

Besonders in den ersten beiden Monaten des neuen Jahres war es sehr kalt und stürmisch, Regen fiel oft. Die Menschen waren in schwarze Kleidung und dicke Mäntel eingepackt, selbst in den Gebäuden war es kalt, Heizkörper gab es nur selten. Auch die alte Dame, die gegenüber von mir wohnte und morgens und mittags die Tauben fütterte, beklagte sich bei jedem, der an ihrem Fenster vorbei musste, über die Kälte. Den Tauben gefiel es sehr gut in unserer Gasse; wenn sie nicht gefüttert wurden, saßen sie auf einer Regenrinne über dem dritten Stockwerk, genau über meiner Wohnungstür und es bereitete ihnen große Freude, auf meine Wäsche zu kacken, die ich versuchte unter einer Mülltüte im Regen zu trocknen.

Es war zu jener kalten Jahreszeit, als meine Vermieterin unerwartet an die Tür klopfte. Ich öffnete, doch hatte ich Schwierigkeiten, sie zwischen meiner trocknenden Unterwäsche zu finden. Sie trug einen riesigen Pelzmantel, der fast komplett von ihr Besitz ergriffen hatte und überreichte mir, beide Arme ausstreckend, eine Plastiktüte mit einem Heizkörper. Ich bedankte mich und stellte das Ding auf. Es war kaum größer als mein Laptop und produzierte auch nur unwesentlich mehr Wärme.

Da es drinnen warm wurde, entschloss ich mich, abends wieder öfter hinaus zu gehen und die Aussicht ins Landesinnere zu genießen. Ich wunderte mich dann gerne über die Lichter der Wohnungen, Autos und Straßenlaternen, die sich bis zum Horizont erstreckten. Es war schön.

Boulderfelsen in Frankreich Bootshaus an einem See
Strand von Donostia – San Sebastián Stürmisches Meer bei Vigo
Reisegruppe vor Sonnenuntergang in Hendaye Sandstrand mit Felsen bei Porto
Straße in Portugal Mauer und Felder in Portugal
Kirche von Bom Jesus do Monte in der Dämmerung, Braga Beleuchtete Kirche von Bom Jesus do Monte, Braga
Verlassenes Panoramacafe bei Lissabon mit Blick über Monsanto auf Ponte 25 de Abril Mosteiro dos Jerónimos, Lissabon