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Im Nordosten Brasiliens

Praktikum in Maceió

Agentur: Plus! Agência Digital,
Position: Webdesign, Jahr: 2012

Maceió: Blick auf Tankstelle und Palmen Gruppenfoto bei Plus! Agência Digital
Papaias, Bananas, Limões, Mangas, Laranjas. Papaias, Bananas, Limões, Mangas, Laranjas. Laut und blechern drängt sich das Obst jeden Morgen in mein Zimmer. Zeit zum Aufstehen. Die Bewohner der Favelas sind auch schon unterwegs. In ihren durchgetretenen Flipflops – wie alte Topflappen, die man schon längst hätte entsorgen sollen – sind sie auf ihrem Weg durch die Stadt an den Strand. Ziehend und schiebend bewegen sie ihre Karren die Straße entlang. Beladen mit Sonnenschirmen und Stühlen, die sie am Strand vermieten, oder mit Papayas, Bananen, Zitronen, Mangos und Orangen, die sie schon früh morgens verkaufen. Hunger treibt an.

Wohlgenährt wie ich bin, fällt mir das Aufstehen schwer. Ich wünschte, ich könnte die Fenster besser verschließen. Aber in einer Stadt, in der man selbst im kältesten Monat noch nachts mit T-Shirt und kurzer Hose raus kann, müssen die Fenster auch nicht dicht sein. Der Obstverkäufer ist mittlerweile auch weitergezogen, man hört ihn nur noch aus der Ferne schreien.

Zum Frühstück gibt es Obst aus dem Kühlschrank und Toast aus der Pfanne. Herrlich. Ich muss meine Fenster aufschieben, um nach draußen schauen zu können. Die Jalousie ist kaputt, deshalb wurden die Fenster mit schwarzem Karton abgeklebt. Es ist Regenzeit in Maceió. Ich will wissen, ob ich trocken an meinem Praktikumsplatz ankommen werde. Der Blick nach draußen ist eigentlich überflüssig. Bei Regen ist meine Jacke nur trauriger Ballast; an ihrer einzigen Aufgabe gescheitert.

Ich wohne in einem Haus, in dem es nur Ein-Zimmer-Wohnungen gibt. Viele Studenten leben hier. Sieben Etagen, mit Pool auf dem Dach und Fitnessstudio im Keller. Fast direkt am Meer, nur McDonalds und eine Tankstelle haben sich noch dazwischen gezwängt. Die Häuser stehen hier dicht an dicht in den vorderen Reihen. Mein Fenster zeigt zur Seite, mit Blick auf das nächste Gebäude. Ich sehe weder den Himmel noch das Meer. Eine mit Fliesen verkleidete Fassade scheint sich neben mir ins Unendliche auszubreiten.

Ein leises Summen. Die Gewissheit in die Freiheit zu gelangen. Der Pförtner muss erst die Tür entriegeln. An ihm muss jeder vorbei, der das Haus betreten oder verlassen will. Man ist hier auch Gefangener. Ich genieße den täglichen Weg zur Arbeit und lasse mir viel Zeit. Ich bin fast eine Stunde unterwegs, und es ist auch morgens schon sehr warm. Den Bus nehme ich nicht. Er ist mir zu teuer. Außerdem steht an den Haltestellen weder wann die Busse kommen, noch wohin sie fahren. Ich bin zu faul zum Warten und gehe zu Fuß. Ich komme unterwegs an unzähligen Baustellen vorbei. Es wird sehr viel gebaut. Hochhäuser und Hotels. Die beste Lage direkt am Meer ist schon vergeben. Reich und Arm wohnen hier dicht beieinander. Die Straßenseite entscheidet. Der Mittelstreifen als Grenzmarkierung. Entlang der Straße wachsen Bäume mit dicken, grünen Blättern, die Oberseiten wie eingewachst. Von zu Hause sind sie mir nur als Zimmerpflanzen vertraut, hier werden sie einige Meter groß, und man fühlt sich ganz klein unter ihnen.

Zuweilen nehme ich einen kleinen Umweg und schaue bei einem nahegelegenen Bananenstand vorbei. Die Frau dort schreit einen wenigstens nicht durch einen Lautsprecher an, bevor man bei ihr einkauft. Ihre Preise sind dafür aber auch unerhört niedrig. Manchmal gibt sie mir die Bananen sogar gratis mit; sie ist sehr großzügig, wie viele hier. Auf der Arbeit werde ich von dem sanften Brummen der Klimaanlage, das nur manchmal in nervöses Stottern und aufgeregtes Klappern übergeht, willkommen geheißen. Die Anlage sorgt für angenehm frische Luft und langanhaltende Halsschmerzen. Die Schreibtische sind an drei Seiten des kleinen Raums aufgestellt. Wir sitzen immer zu dritt vor einer Wand. Jeder bringt sein eigenes Notebook mit. Es wird fleißig gearbeitet, und ich fühle mich sehr wohl in der Gruppe. Nach Hause gehe ich immer rechtzeitig, bevor es dunkel wird. Es ist sonst angeblich zu gefährlich. Darauf werde ich von jedem, den ich hier kenne, regelmäßig hingewiesen. Maceió ist die Hauptstadt von Alagoas und mit 107 Morden pro 100.000 Einwohner[1], die gefährlichste Brasiliens.

Der Wind weht vom Ozean her. Er nimmt das Salzwasser mit sich, trägt es vom Meer ans Land und verteilt es über die Menschen. Es bildet sich eine klebrige Salzschicht auf den Beinen, den Armen, im Gesicht. Meine Brille stecke ich in die Hemdtasche, sie besteht sonst bald nur noch aus zwei matten Plastikscheiben. Kinder sind unterwegs; einige fragen nach Essensresten. Auf mich kommt ein Junge zugelaufen, vielleicht sechs oder sieben Jahre alt, das Gesicht voller Rotze, von der Nase bis hinter die Ohren geschmiert. Er hat meinen Becher Orangensaft gesehen, greift danach und rennt weg. Der Becher ist leer, der Junge voller Wut. Er kommt zurück, wirft den Becher auf den Boden und rennt wieder los; diesmal mit meiner Brille – jetzt renne auch ich. Die Brille fliegt an mir vorbei in den Sand. Zurück im Haus erzähle ich meinen Nachbarn die Geschichte. Wir trinken dabei Bier. Die Flaschen sind riesig, die Gläser winzig und das Bier eiskalt. Man teilt sich das Bier in der Gruppe. So wird es nicht so schnell warm und es gibt eine neue kalte Flasche, wenn man ausgetrunken hat. Die Luftfeuchtigkeit ist so hoch, dass sich an den Gläsern sofort Kondenswasser bildet.

Ich soll ihnen ein deutsches Lied beibringen, sagen sie. Ich kenne nur eins, aber das ist ziemlich gut: Helges Möhrchenlied. Es passt perfekt, denn so kennt man mich hier, sie nennen mich a cenoura, die Karotte.


Blick über Maceió bei Nacht McDonalds Logo spiegelt sich in Hotelfenster
Straßenszene in São Luís do Quitunde Blick vom Hügel über São Luís do Quitunde
Hühner in Garça Torta Straßenszene in São Luís do Quitunde
Fest in Maceió Trio Elétrico in São Luís do Quitunde